Dir selbst begegnen

Den Widerstand aufgeben

Sonnenaufgang in den Bergen

Ich hatte an einer früheren Stelle gesagt, dass Selbstliebe das ist, woran es der Menschheit momentan am meisten mangelt. In unserem Inneren ist Selbstliebe jederzeit im Überfluss vorhanden. Und doch wissen die wenigsten Menschen davon und suchen stattdessen im Außen nach Glück und Zufriedenheit. Aber jemand, der nur ein Mal in Kontakt mit seinem wirklichen Ich gekommen ist, wird nie wieder auf die Idee kommen, dass es außerhalb von ihm etwas Beglückenderes geben könnte als sein innerstes Sein. Dieses Ich ist Selbstliebe. Es ist das, wonach wir uns unbewusst immer gesehnt haben.

 

Am liebsten würde ich nur einmal mit dem Finger schnipsen müssen, um jedem einzelnen Menschen einen Eindruck von diesem Zustand zu vermitteln. Aber stattdessen ist es in der Praxis nicht leicht, seinem wirklichen Ich zu begegnen. Darum soll es heute gehen. Warum ist es so schwer? Wie könnte es leichter gehen?

 

Ich möchte dir beschreiben, was aus meiner Perspektive dahintersteckt, wenn es einem Menschen nicht gelingt, sein echtes Ich, seine Seele oder auch Erleuchtung zu erreichen – die Begriffe sind mehr oder weniger austauschbar, zumal sich das, worum es geht, nicht in Worte fassen lässt.

 

Ich sehe zwei Arten von Bewusstsein in uns, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Da ist zum einen der Mensch, der fest davon überzeugt ist, nicht mehr als ein winziger, unbedeutender Punkt im endlosen Universum zu sein. Das ist das, was sein Verstand ihm suggeriert und mit dem fühlt er sich identisch.

 

Und dann ist da auf der anderen Seite das grenzenlose Bewusstsein der Seele – sie weiß, dass das gesamte Universum nur ein winziger Punkt in ihr ist. Wenn die Seele nun im Menschen erwacht, möchte sie genau dieses Bewusstsein in ihr Dasein als Mensch hineinbringen. Der ist aber davon ganz unbeeindruckt – wenn er wüsste, was die Seele mit ihm vorhat, würde er sich wundern: „Was soll ich mit einem Universum? Ich hab doch alles, was ich brauche. Mein Leben ist ok, ich komme gut über die Runden – was will ich mehr?“

 

Und hier beginnt sein Widerstand. Der Mensch will nicht, dass sein Leben größer wird, weil er die Kontrolle darüber behalten will. Er hat sich alles mühsam aufgebaut, sich eine Identität erschaffen und ist froh, wenn alles einigermaßen läuft. Nur Veränderungen, die er selbst herbeiführen und kontrollieren kann, würde er zulassen. Das, was die Seele dagegen mit ihm vorhat, erscheint ihm absolut inakzeptabel: Es ist undefinierbar und riesig und unkontrollierbar. Es bringt seine ganze schöne Ordnung durcheinander – das ist es, was er beim Erwachen der Seele wahrnimmt. Also blockt er es ab, indem er sich verkrampft und verschließt. Diese Erstarrung geschieht im Verstand und spiegelt sich früher oder später im Körper wider.

 

Die Seele wird erwachen. Einfach, weil ihre Zeit dafür gekommen ist. Sie wird sich nicht aufhalten lassen. Ihr menschlicher Aspekt kann nichts dagegen tun. Er kann nur eins beeinflussen: Wie viel Widerstand er dieser Veränderung entgegensetzt. Viel Widerstand macht es schmerzhaft. Den Weg frei zu machen, macht es so viel leichter, denn dadurch kann dieser Verwandlungsprozess natürlich stattfinden. Wenn die Seele ungehemmt, auf ihre natürliche Art, in den Menschen hineinströmt, ist das immer sanft und fließend und weich und warm. Es ist ein inneres Bad in Selbstliebe. So viel davon, dass der Mensch überläuft und in die Welt hinaus strahlt.  

 

Die Kontrolle, mit der der Verstand das Leben in geregelten Bahnen hält, war von Anfang an eine Illusion. Nicht er erschafft dein Leben. Du, auf der höchsten Ebene deines Seins, als dein seelisches Ich, hast es erschaffen. Der Mensch ist nur da, um diese Schöpfung zu erfahren. Es ist nicht seine Aufgabe, sie zu bewirken oder zu kontrollieren. Wenn die Seele erwacht, muss der menschliche Aspekt dies einsehen und früher oder später den Widerstand aufgeben und zulassen, was nun mal geschehen wird.

 

Aber bis der Mensch dazu bereit ist – das kann dauern. Er kann extrem stur sein und schlimmstenfalls wird er erst dann kapitulieren, wenn seine Widerstandskraft endgültig verbraucht ist. Wenn er keine Energie mehr hat zu kämpfen. Bei mir war es immer und immer wieder genau so. Und das ist in Ordnung, denn ich bin nun mal ein Mensch. Aber vielleicht kann ich mit meinen Erfahrungen helfen, dass es für andere leichter wird – indem sie von mir hören, dass es wirklich nie etwas zu befürchten gab.

 

Ich möchte dir in einem Bild beschreiben, wie ich das Erwachen zum seelischen Sein wahrnehme: Da ist die Seele und sie ist immer da – ohne sie gäbe es kein menschliches Leben. Bei deiner Geburt ist sie wie ein kleines Licht in deinem Inneren, unten in deinem Bauch. Du gehst durch deine Erfahrungen und deine Seele lässt dich machen, noch hält sie sich im Hintergrund. Bis sie weiß, dass die Zeit gekommen ist, um ganz bei dir zu sein. Um dich zu erfüllen und all das, was sie durch deine Erfahrungen über sich selbst gelernt hat, in die reale Welt zu bringen.

 

An diesem Punkt beginnt sie, in dir zu wachsen, sich auszudehnen. Sie möchte ganz bei dir sein, dich ganz erfüllen. Aber sobald sie größer wird, wird es eng in dir, denn noch füllt deine menschliche Identität dich aus – du erinnerst dich: Der Mensch, der glaubt, ganz winzig und unbedeutend zu sein, der eins ist mit seinem begrenzten Verstand. Dieses Bewusstsein muss weichen, damit stattdessen dein seelisches Bewusstsein Platz in dir findet. Und während das von innen wächst, wird alles, was dich bisher ausgemacht hat – all deine Überzeugungen und Glaubensmuster – an die Oberfläche gedrängt. Direkt in dein Bewusstsein. Dort musst du es dir anschauen und loslassen. Denn dafür bleibt kein Platz mehr in dir.

 

Und genau an diesem Punkt setzt massiver Widerstand ein, denn nun kommen jede Menge Gefühle und Ängste zum Vorschein, die dein Verstand so eisern verdrängt hatte. Auch jetzt will er von ihnen nichts wissen, sie passen nicht in sein rationales Weltbild. Deiner Seele ist das egal. Sie weiß, dass es keine Gefahr gibt – es ist doch nur sie, deine wunderschöne Seele, die mit ihrem Kommen all deine ungeliebten Seiten an die Oberfläche spült. Ihre Haltung ist ganz undramatisch: „Mein geliebter kleiner Mensch, schau dir das alles an, nichts daran ist verkehrt. Schließ auch du deinen Frieden damit und lass es gehen – so dass endlich Platz wird für etwas so viel Besseres, nämlich mich!“

 

Was kannst du also tun, um diese Begegnung mit deiner Seele zu erleichtern? Gib auf, gib dich allem hin, was in dir auftaucht. Hör auf, dagegen anzukämpfen und es zu unterdrücken. Hör auf, stur weiter zu funktionieren und dich zusammenzureißen. Lass alles zu, egal was sich zeigt: Enttäuschung, Traurigkeit, Wut, Scham, Schuld, Angst, Hass, Frustration, Verzweiflung, Einsamkeit, Hilflosigkeit, Depression. Selbst Dumpfheit, Leere oder Nichts – was auch immer auftaucht.

 

Wenn du still wirst und deine Aufmerksamkeit nach innen richtest und diesen Gefühlen einfach eine Zeit lang erlaubst, ungehindert da zu sein und zu fließen, wirst du eine magische Verwandlung erleben: An einem bestimmten Punkt wirst du plötzlich begreifen, dass all diese Gefühle keine Fehler, sondern absolut berechtigt sind. Du wirst schlagartig entsetzt sein, dass du so hart zu dir selbst warst und diesen schreienden Kummer in dir geleugnet und bekämpft hast. Und dann wird dir das Herz überquellen vor Mitgefühl und Liebe für dich selbst. Und genau in diesem Moment bist du bereits ein Stückchen mehr mit deinem seelischen Bewusstsein verschmolzen.

 

 

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