Deinen Körper lieben

Lies, wie leicht das geht

Deinen Körper lieben - wie diese zarten Rosenblüten

Heute möchte ich dir von dem Moment erzählen, in dem mir zum ersten Mal meine angeborene Selbstliebe bewusst wurde. Dieses Erlebnis ist schon lange her – es muss im Jahr 2004 gewesen sein.

 

Damals hatte ich noch eine heimliche Essstörung. Ich hatte immer Angst, dass ich zu dick werde. Meine „Methode“ ging so: Möglichst wenig essen, und falls mir das nicht gelang – fast ständig – zum Ausgleich superviel Sport machen. Laufen oder schwimmen. Ich ging so gut wie jeden Tag joggen. Und jeden Morgen auf die Waage.

 

Aber gleichzeitig hatte ich immer wieder Heißhungerattacken auf alles Ungesunde. Irgendwann gelang es mir endlich einmal für mehrere Wochen am Stück, mich so sehr zu disziplinieren, dass ich wirklich extrem wenig gegessen und extrem viel Sport gemacht hatte. Und doch: Die Waage zeigte mir an, dass ich ausgerechnet in dieser Zeit sogar noch zugenommen hatte!

 

Eines Morgens im Bett war ich völlig verzweifelt deswegen. Ich dachte: Da stimmt doch einfach was nicht, das ist doch nicht möglich! Wie kann das sein? Was ist da los?! In meiner Verzweiflung erlaubte ich mir endlich – zum allerersten Mal – mich nicht mehr zusammenzureißen und mich stattdessen dieser tiefen Enttäuschung und Frustration hinzugeben. Ich war diesen ewigen Kampf so leid. Es konnte doch nicht sein, dass ich mich bis an mein Lebensende so anstrengen müsste – wenn das überhaupt ausreichen würde.

 

Ich ließ mich fallen in diesen Kummer und diese Ratlosigkeit. Ich wünschte mir so sehr, dass sich etwas änderte, aber ich hatte keinen Schimmer, was ich tun könnte. Mein Gewicht nicht mehr zu kontrollieren schien mir undenkbar – ich war absolut sicher, dass ich aufgehen würde wie ein Hefekloß.

 

Ich lag da und war so erschöpft und traurig. Und ganz unbeabsichtigt fiel mir nach einer Weile etwas auf. Nämlich, dass ich – während ich so eisern auf meine Figur achtete – gleichzeitig ein schlechtes Gewissen deswegen hatte. Ich dachte: Das sollte mir eigentlich egal sein. Es dürfte mir nicht so wichtig sein, wie ich aussehe. Und auf einmal wurde mir klar, dass ich da so eine Art „heilige“ Überzeugung in mir trug. Sie prangte wie ein großes Banner über allem, was ich tat. Eine felsenfeste Überzeugung, die über allem stand und die unter keinen Umständen gebrochen werden durfte:

 

ICH   MUSS   MICH   SELBST   LIEBEN  !!!

 

Deshalb fühlte ich mich so schlecht damit, dass ich überhaupt etwas an mir ändern wollte.

 

Und dann – fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Mit meinen Gewichtsproblemen hatte ich mich selbst in dieser Überzeugung herausgefordert. Ich hatte mich damit selbst getestet, ob ich das auch wirklich und unter allen Umständen tun würde – mich selbst zu lieben. Und in diesem Moment wusste ich auf einmal zweifelsfrei: Ich werde mich immer lieben. Immer, immer, immer.

 

Egal, ob ich aussehe wie eine Tonne oder das Gesicht voller Pickel oder Krätze habe oder mir alle Haare ausfallen, ob ich schiele, im Rollstuhl lande oder sonstwas – ich wusste absolut zweifelsfrei, dass ich niemals, niemals, niemals aufhören würde, mich selbst zu lieben. Nicht, weil ich es musste, sondern weil es ein Fakt war, an dem ich gar nichts hätte ändern können. Weil ich überhaupt nicht anders konnte, als mich selbst zu lieben – diese Liebe war von ganz allein da und nichts in der Welt hätte sie auslöschen oder reduzieren können.

 

Das alles erkannte ich plötzlich. Und das bedeutete: Ich war in Sicherheit, ich brauchte mir meine Liebe nie wieder zu beweisen. Und einen Moment später wurde mir klar, dass es sogar ein noch viel größeres Zeichen meiner Selbstliebe wäre, wenn ich mir erlauben würde, in einem leichten, unbeschwerten, beweglichen Körper zu stecken.

 

Seit diesem Moment habe ich mich nie wieder gewogen und meine Waage habe ich noch am selben Tag entsorgt.

 

Den Sport behielt ich allerdings noch einige Jahre bei. Längst nicht mehr so extrem und verbissen. Aber erst als ich 2011 in das kleine Worpsweder Häuschen zog, fühlte ich mich auch damit auf einmal unwohl. Also ging ich genauso wie damals in mich und erkannte, dass Angst hinter dieser Gewohnheit steckte: Weil ich wegen meiner Schmerzen so häufig nur auf dem Sofa liegen konnte, hatte ich Angst, dass mein Körper regelrecht einrosten könnte, wenn ich ihn nicht regelmäßig bewegte. Aber das Laufen machte mir immer weniger Freude. Ja, ich bekam richtig schlechte Laune, wenn es anstand – und sogar noch mehr, wenn ich es doch einmal ausfallen ließ.

 

All das fühlte sich auf einmal nur noch verkehrt an. Seit meiner Erleuchtung ergab es für mich immer häufiger gar keinen Sinn mehr, gegen meinen eigenen Willen – gegen mich selbst – anzukämpfen.

 

Also widmete ich mich meiner Angst: Der Angst, krank zu werden aufgrund von Bewegungsmangel. Und ich merkte schnell, dass diese Angst relativ schwach war. Dass die Abneigung gegen das erzwungene Laufen viel stärker war, so dass ich bald dachte: Es ist mir egal. Lieber werde ich krank als dass ich mich noch weiter so durch die Gegend prügele, obwohl ich nicht mehr die geringste Freude dabei empfinde.

 

Und in diesem Moment zeigte sich mir plötzlich eine neue Möglichkeit. Sie fühlte sich so lebendig und freudig an, dass ich ohne zu Zögern Ja dazu sagte: Ich wählte, dass mein Leben von allein voller Bewegung sein sollte. Dass das, was es ausfüllte, auf die unterschiedlichste Art mit Bewegung verbunden sein sollte. Und plötzlich sah ich lauter Bilder aufflackern: Ich sah mich, wie ich Holz hackte, wie ich einen Baum umsägte, wie ich den Garten umgrub, wie ich Komposterde siebte, wie ich den Rasen mähte, das Dach fegte, wie ich Laub harkte und: wie ich in meinem großen Schlafzimmer bei voll aufgedrehter Musik ausgelassen tanzte.  

 

Und genau so geschah es. An diesem Tag endete mein Lauftraining – nach über 20 Jahren! Stattdessen entdeckte ich meine Freude an der Gartenarbeit und konnte nicht genug davon kriegen – immer neue Ideen hielten mich so gut wie jeden Tag in Bewegung.

 

Und noch etwas konnte ich beobachten: Mein Körper veränderte sich. Nach und nach schmolzen all die harten, antrainierten „Sportmuskeln“ und mein ganzer Körper wurde so weich und natürlich. Bald steckte auch in ihm nichts Gezwungenes mehr und verrückterweise fühlte ich seitdem mehr und mehr ein so warmes und liebevolles Gefühl für ihn. Ich mochte ihn einfach. Genau so, wie er in dieser natürlichen Version war. Bis heute ist dieses Gefühl nur noch viel intensiver geworden – ich liebe einfach alles an ihm und wenn ich ihn im Spiegel sehe, möchte ich ihn jedes Mal knuddeln!

 

Das alles erzähle ich dir, um dir zu zeigen, dass auch in dir diese völlig bedingungslose, natürliche Selbstliebe auf dich wartet. Nimm deinen Kummer ernst. Wende dich ihm zu und hör ihn an. So bringst du ihn ans Licht und wenn du ihn erstmal in seinem ganzen Schmerz vor dir ausgebreitet siehst, wird es sich nicht vermeiden lassen, dass deine Selbstliebe zum Vorschein kommt. Bitte, trau dich!

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Saiya (Dienstag, 13 Dezember 2022 13:02)

    Liebe Mareike, was für einen Schatz habe ich hier in deinen Einträgen gefunden! Gestern suchte ich unter dem Stichwort "Lichterfahrung" eine Inspiration für einen Vortrag als Lehrerin für Yoga und Qigong und bin sehr, sehr berührt von Deiner Blogseite (ich lese nicht gerne Blogs;-)). - Ich bin über 11 Jahren mit einem erwachten Chinesischen Lehrer "unterwegs" gewesen und der Erleuchtungsweg ist eine große Sehnsucht in mir, die noch nicht gestillt ist. ( weil man sie ja nicht "herbeirufen" kann).
    Du schreibst so tröstlich, authentisch und wahrhaftig! - Vielen Dank für diese Perle, die ich gefunden habe. - Ich nehme mir in den Weihnachtsferien Zeit - um Deine Texte zu genießen und werde bestimmt demnächst mal bei Dir eine "Session" vereinbaren.
    Herzensgrüsse
    Saiya

  • #2

    Mareike (Dienstag, 13 Dezember 2022 13:32)

    Liebe Saiya, ich freue mich so sehr, dass du meinen Blog entdeckt hast und meine Worte dich berühren! Und DANKE für dein Feedback, das bedeutet mir sehr viel!