Grenzen setzen

Mit Würde – und mit Steinen

kleiner Gartenzaun

Ein paar Jahre nach meiner Erleuchtung erlebte ich eine ganze, mehrmonatige Episode, in der ich mich gezwungen sah, zu wachsen. Diese Erfahrung beschreibe ich dir nun so, dass ich die Ereignisse in eine erfundene Umgebung mit erfundenen Personen umgesiedelt habe. Der Grund: Gefährdung von Persönlichkeitsrechten. Natürlich bleibt das, was ich eigentlich vermitteln möchte – meine Botschaft – erhalten. Also.

 

Ich lebte seit einigen Jahren in einem niedlichen Häuschen im kleinen Dorf Flonnwalde in Schleswig-Holstein. Als ich eingezogen war, stand das Haus mitten in einem düsteren, zugewucherten Urwald. Denn vor meinem Einzug hatte es vier Jahre lang leer gestanden und wiederum davor wohnte rund 40 Jahre lang ein Herr darin, dem es wichtig war, nichts von all dem Grün rundherum zu stutzen. So kam ins Haus mit der Zeit kaum noch Sonnenlicht, weil alle Bäume und Büsche fast ein halbes Jahrhundert lang vor sich hin gewachsen waren. Vor allem auf der Südseite machten riesige Fichten und Eiben das Grundstück extrem dunkel.

 

Nachdem ich mit der Einrichtung des Häuschens fertig war, fing ich an, mir den Garten vorzunehmen. Ich hatte nicht viel Erfahrung damit, aber es machte mir große Freude, Stück für Stück diesen Dschungel in ein Paradies zu verwandeln. Meine Vermieterin, die in Portugal lebte, ließ mir dabei nicht nur völlig freie Hand, sondern sie übernahm auch die Kosten, als ich nach und nach vier riesige Fichten fällen ließ.

 

Den Rest machte ich allein und manchmal waren meine Aktionen richtig halsbrecherisch. Als ich zum Beispiel die vielen Eiben auf der Südseite in drei Meter Höhe absägte oder einige schon ziemlich große Traubenkirschen mit meiner Bügelsäge fällte.

 

Im Laufe der Jahre verwandelte sich das Grundstück in eine richtige Parklandschaft. Alles wurde hell und freundlich und gepflegt und es entstanden rundherum Rasenflächen, die die ursprünglich so gedrungene Atmosphäre weiträumig machten. Alles schien aufzuatmen.

 

Irgendwann hatte ich mich so sehr ausgebreitet, dass der Bereich, den ich gestaltet hatte, schon in die Nähe der Nachbarn auf der östlichen Grundstücksseite reichte. Das Problem war, dass ich nicht wusste, wo genau die Grenze verlief. Einmal, kurz nach meinem Einzug, war meine Vermieterin mit mir das riesige Grundstück abgelaufen: ca. 3000 Quadratmeter, die übergingen in zwei Hektar Wald, die sich hinter dem Haus den Berg hoch erstreckten. Aber genaue Grenzmarkierungen hatte sie mir nicht gezeigt. Sie hatte mir nur eine sehr grobe Karte vom Grundstück geschickt: Eine blasse DIN-A4-Kopie einer Liegenschaftskarte. Wo die Grenze zu den Nachbarn genau verlief, konnte ich damit unmöglich ausmachen.

 

Ich war unsicher. Die Grenze konnte direkt hinter meiner Terrasse verlaufen, ich konnte mir aber auch vorstellen, dass sie noch fünf Meter weiter in Richtung der Nachbarn verlief. Je mehr ich darüber nachdachte, desto unsicherer wurde ich. Ich wollte auf keinen Fall die Grenze missachten. Ich wollte nicht aus Versehen einen Busch stutzen oder gar einen Baum absägen, der den Nachbarn gehörte. Und doch wollte ich mir alles schön machen, was zu „meinem“ Grundstück gehörte.

 

Kurz darauf sah ich meinen Nachbarn in seinem Garten – Heiko. Ich ging also zu ihm und fragte ihn, ob er vielleicht wüsste, wo genau die Grenze zwischen unseren Grundstücken verlief. Seine Reaktion erschrak mich sehr. Er schnauzte laut und fast aggressiv: „Wieso willst du das wissen?! Das hat hier noch nie jemanden interessiert – hier herrschte immer Frieden und Einigkeit bevor du hier warst und jetzt kommst du und bringst Unfrieden hierher. Und überhaupt, was wir hier machen, ist alles mit der Eigentümerin abgesprochen. Was sollen diese Fragen, wo du doch nur Mieterin bist?!“

 

Da war ich platt. Aber auch eingeschüchtert. Ich musste mich in mein Häuschen verkriechen und bekam sofort starke Schmerzen. Was war da los? Hatte ich irgendwas verpasst? Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich etwas beruhigt hatte und dann rief ich meine Vermieterin an. Das machte ich äußerst selten – ich wollte sie nicht mit Sachen nerven, die ich selber regeln konnte. Ich erzählte ihr von dieser merkwürdigen Begegnung und sie meinte, dass sie so gut wie noch nie mit den Nachbarn gesprochen hatte, schon gar nicht über den Grenzverlauf. Die Nachbarn – eine Familie mit drei fast erwachsenen Kindern – waren zwei Jahre vor mir in ihr Haus gezogen. Da mein Haus währenddessen leer stand, war es natürlich ein Kinderspiel für sie, mit niemandem aneinander zu geraten – sehr witzig.

 

Meine Vermieterin fand mein Erlebnis irritierend und ermutigte mich, mich nicht verunsichern zu lassen und meinen Garten ungehemmt weiter so schön zu gestalten. Leider könne sie mir nicht sagen, wo die Grenze genau verlief und eine Neuvermessung wäre so teuer – tausende Euros – dass das nicht in Frage käme. Außerdem sagte sie mir ausdrücklich, dass ich für sie nicht einfach eine Mieterin sei, sondern ihre Vertreterin, der sie das Häuschen und das Grundstück anvertraut hätte mit der Auflage, mich gut darum zu kümmern und sie sofort zu informieren, falls es Probleme gab. Für sie war ich also eher so etwas wie die Verwalterin ihres Grundstücks. Ich sei für ihr Anwesen verantwortlich, solange sie nicht vor Ort war – also ständig. Als sie mir das alles nochmal so deutlich sagte, fühlte ich mich geehrt, dass sie mir so sehr vertraute.

 

Nach dem Telefonat war ich etwas beruhigt. Ich hatte also gar nichts falsch gemacht und Heiko hatte wohl einfach versucht, mich einzuschüchtern. Das passte tatsächlich auch zu einigen früheren Begegnungen mit ihm, die aber nie so deutlich arrogant und aggressiv gewesen waren.

 

Was blieb war der ungeklärte Grenzverlauf. Und der ließ mir keine Ruhe. In den folgenden Tagen merkte ich, wie dieses Thema an mir nagte. Im Garten mochte ich jetzt überhaupt nichts mehr in der Nähe dieser undefinierten Grenze machen und so fühlte er sich plötzlich viel kleiner an als bisher.

 

Ich grübelte immer wieder darüber nach, was ich tun konnte. Nochmal mit den Nachbarn reden, so dass wir uns auf eine Grenzlinie einigen könnten? Hmm… schwierige Vorstellung.

 

Irgendwann war mir klar, dass es nur eine praktikable Lösung gab und die auch nur vielleicht: Ich konnte mich auf die Suche nach Grenzsteinen machen und entweder welche finden oder keine finden – das war meine einzige Chance. Wenn ich das nicht tat, gäbe es definitiv keine befriedigende Lösung für mich. Wenn ich es tat, konnte es immerhin sein, dass ich Erfolg hatte. Obwohl ich das für sehr unwahrscheinlich hielt. Ich wusste noch nichtmal, ob es überhaupt Grenzsteine gab – viele Grundstücke haben keine, ergab eine kurze Recherche. Falls tatsächlich welche existierten, waren sie wahrscheinlich so alt wie das Haus, also fast ein Jahrhundert alt. Fast einhundert Mal eine dicke Schicht Herbstlaub. Wieviele Zentimeter – oder Meter – Erde, unter denen die Steine begraben liegen würden, ergab das?

 

Und dann die Karte. Die einzige Karte, die ich hatte. Eine schlechte Kopie und es erschien mir unwahrscheinlich, dass der angegebene Maßstab 1:1000 irgendwas mit der Realität zu tun hatte.

 

Aber mir kam eine Idee: Ich konnte den Maßstab selber überprüfen. Denn auf der Karte gab es etwas, das ich nachmessen konnte: mein Haus. Ich ging also raus und maß die längste Hauswand ab: 13,19 Meter. Mit dieser Größe berechnete ich den Maßstab der Karte. 1:1000 war gar nicht soo verkehrt gewesen, hätte mich aber definitiv in die Irre geführt. Die gemeinsame Grenze mit den Nachbarn war knapp 70 Meter lang. Falls die kleinen Kringel auf der Karte anzeigten, dass dort jeweils ein Grenzstein lag, gab es insgesamt vier gemeinsame Grenzsteine.

 

Und nun? Wie weiter? Sollte ich wirklich mit dem Spaten rausgehen und direkt vor Heikos Augen in der Erde nach den Grenzsteinen stochern? Mir sank das Herz in die Hose. Diese Vorstellung war mir wahnsinnig unangenehm. Als müsste ich mich währenddessen mit einer unerträglichen Ladung missgünstiger Energien beschießen lassen. Allein bei dem Gedanken wich alle Kraft aus mir heraus. Noch dazu war es ja sehr wahrscheinlich, dass meine Suche erfolglos sein würde. Dafür würde ich dann obendrein noch eine gehässige Ladung Schadenfreude von Heiko kassieren.

 

Oje. Vielleicht müsste ich doch einfach akzeptieren, dass der Verlauf der Grenze ein ungelöstes Rätsel bleiben würde?

 

Aber das ging nicht. Noch ein paar Tage lang versuchte ich, das Problem zu ignorieren, aber es ließ mir einfach keine Ruhe mehr. Immer wieder holte ich die abgegriffene Liegenschaftskarte hervor. Um die Entscheidung noch etwas hinauszuzögern, fertigte ich eine digitale Version der Karte an. Ich scannte sie und zeichnete sie mit meinem Grafikprogramm nach. Wenn ich sie am Bildschirm vergrößerte, konnte ich zentimetergenau die Abstände zwischen den Grenzsteinen bestimmen. Jedenfalls in der Theorie. Und immer vor dem Hintergrund, dass es möglicherweise gar keine Grenzsteine gab.

 

Aber dann sah ich plötzlich wieder einen kleinen Lichtblick. Laut Karte gab es einen Stein, der sehr nah bei meinem Haus lag. Dieser Stein befände sich nicht auf der Grenze zu den Nachbarn, sondern an der Südseite meines Grundstücks – und zwar mitten in einem dichten Eibengebüsch, knapp zehn Meter von der Nachbarsgrenze entfernt. Wenn ich hier mal ganz unverbindlich nachschauen würde, ob ich überhaupt einen Stein finden konnte, könnte ich das wahrscheinlich sehr heimlich machen. Noch dazu konnte ich sogar warten, bis Heiko nicht zuhause war, denn oft bekam ich mit, wenn er mit seinem Auto wegfuhr. Falls ich also für einen Moment genügend Mut zusammenkratzen könnte, wollte ich es so machen.

 

Ich musste nicht lange warten. Als ich mich am nächsten Tag gut fühlte und sah, dass Heiko wegfuhr, nahm ich mein „Grenzwerkzeug“, das ich mir schon bereitgelegt hatte – Spaten und Handschaufel, eine Mistgabel, eine lange Schnur, einen Zollstock, ein paar Bambusstöcke und die Karte – und ging raus zur südöstlichen Hausecke. Von dort aus spannte ich die Schnur und markierte mit den Stöcken ein paar Stellen, die alle genau 5,47 Meter entfernt im Gebüsch lagen. Dort guckte ich erstmal, ob ich irgendwas Auffälliges sah – nichts. Also fing ich an, mit der Mistgabel zu stochern – nichts. Ich ging immer weiter weg von den Stöcken, weil mein berechneter Kartenmaßstab für mich auch nicht mehr als ein vager Vorschlag war. Nichts zu finden. Und schon gingen mir der Mut und die Kraft aus, ich packte schnell alles wieder ein und verkrümelte mich frustriert auf mein Sofa.

 

Verdammt. Doch keine Lösung in Sicht. Ich war traurig. Und verzweifelt. Irgendwie konnte ich mir inzwischen nicht mehr vorstellen, mich mit dieser nagenden Unklarheit arrangieren zu können. Ich konnte mir nicht vorstellen, mich je wieder entspannt in meinem Garten bewegen zu können.

 

So lag ich da für eine lange Zeit. Und dann, ganz plötzlich, kam auf einmal meine Kraft zurück. Ich dachte: Ich gehe jetzt raus und grabe ALLES um. Und wenn ich wirklich weit und breit keinen Stein finde – dann bin ich bereit, aufzugeben. Also ging ich wieder raus. Keine Ahnung, ob dieser scheiß Heiko schon zurück war, denn selbst das war mir nun völlig egal.

 

Ich baute also alles wieder auf und stocherte als erstes an der Stelle, die ich für die wahrscheinlichste hielt. Dort stocherte ich jeden Zentimeter ab und ich stocherte so tief ich konnte. Nichts. Ich stocherte weiter. Nichts. Ich stocherte weiter. Nichts. Ich stocherte weiter. Plötzlich – STOP! Da war was. Irgendwas. Direkt neben einer Eibe. Sehr tief in der Erde, bestimmt über 30 Zentimeter tief. Und es war auf jeden Fall etwas Hartes. Und weil ich nichts mehr zu verlieren hatte, fing ich dort an zu graben. Das war nicht leicht, denn überall waren Efeu und dicke Wurzeln. Aber ich schaufelte weiter, wie besessen. Dann nahm ich meine Hände und buddelte weiter. Bis meine Finger tief unten im Boden plötzlich auf dieses Feste stießen. Als ich weiter wühlte, spürte ich, dass das eine waagerechte Fläche war. Ich buddelte weiter und dann konnte ich sehen, dass da eine glatte Steinfläche im Boden lag, schräg unter einer armdicken Wurzel. Oh nein, war das doch bloß eine von diesen Natursteinplatten, von denen ich im Laufe der Jahre etliche in der Erde gefunden hatte? Ich legte mehr von der Fläche frei und einen Moment später konnte ich Ränder ertasten, und… die Ränder waren abgerundet, aber die Fläche war doch rechteckig! Das war ein rechteckiger Stein! Mein Herz raste, ich traute mich noch nicht zu glauben, dass das ein Grenzstein sein könnte. Ich buddelte weiter wie ein durchgedrehter Hund in einem Kaninchenloch und war schon völlig nassgeschwitzt. Und dann war glasklar: DAS HIER IST EIN GRENZSTEIN! Es ist MEIN Grenzstein! Ich war kurz vorm Platzen vor Freude und Erleichterung! Ein Grenzstein!!!

 

Ich konnte es kaum fassen. Auf einmal öffnete sich alles. Wenn diese össelige Karte mich zu diesem Stein geführt hatte, dann konnte sie vielleicht wirklich auch für die anderen Steine taugen! Und wenn hier ein Grenzstein existierte, dann war es gleich viel weniger aussichtslos, noch weitere zu finden.

 

Ich war überglücklich. Und ich war auch so stolz auf mich. Ich empfand richtig tiefen, aufrichtigen Stolz darauf, wie tapfer ich weiter gemacht hatte. Ganz allein, ohne Hilfe. Mit nichts als einem gehässigen Nachbarn im Nacken. Bis ich den Stein gefunden hatte. Wundervoll!

 

Ich fotografierte „meinen“ Stein in seinem Loch von allen Seiten und schickte Bilder an meine Vermieterin – ganz unten auf dieser Seite findest du eins. Dann nahm ich mir wieder die Karte vor. Welchen Stein sollte ich als nächstes suchen? Am wichtigsten war mir die Stelle, an der ich mich gerade mit meinem Garten weiter ausdehnen wollte. Aber dort war weit und breit kein Kringel eingezeichnet. Nur die unsichtbare Grenzlinie.

 

Aber ich hatte wieder eine Idee. Auf der Karte war zur Hälfte auch das Nachbarhaus zu sehen. Ich konnte daran gut den angebauten Holzschuppen identifizieren. Das nutzte ich so: Ich zog auf der Karte eine Linie von der Hausecke, an der ich die Schnur gespannt hatte bis zur äußersten Ecke von Heikos Schuppen. Diese Strecke maß ich ab bis zur eingezeichneten Grenzlinie: umgerechnet 15,24 Meter. Dann ging ich raus und befestigte wieder meine Schnur. Ich nahm ihr Ende, richtete meinen Blick genau auf Heikos Schuppenecke und ging geradeaus darauf zu. Als Büsche im Weg waren verlängerte ich die Schnur mit einem Besenstiel, den ich unter dem Gebüsch hindurchschob. Bis ich nach 15,24 Metern auf der anderen Seite die Stelle markieren konnte, an der die Grenze verlief. Dasselbe machte ich mit zwei weiteren Hausecken, so dass ich immerhin knapp zehn Meter Grenze bestimmen konnte – genau an der Stelle, an der ich endlich weiterarbeiten wollte.

 

Das Ergebnis war erstaunlich. Mein Grundstück reichte viel weiter als ich erwartet hatte. Und: Heiko hatte sich fett auf unserem Grundstück ausgebreitet! Er hatte dort eine Art „Müllzimmer“ eingerichtet: Ein Stück gepflasterte Fläche, auf der all seine Mülltonnen in einem Holzschrank und der Plastikmüll lagerten. Und das Brunnenrohr seiner Gartenpumpe steckte in unserem Garten! Das erzählte ich gleich meiner Vermieterin und uns beiden war nun klar, warum Heiko neulich auf meine harmlose Frage hin so ausgeflippt war. Weil sein Zeugs aber nicht wirklich störte, wollten wir deswegen keinen Wirbel machen.

 

Aber ich wollte nun weitermachen: Ich hatte Blut geleckt und der Erfolg gab mir enormen Aufwind. Ich wollte nun die gesamte Grenze zu den Nachbarn bestimmen. Also vertiefte ich mich während der folgenden Wochen immer wieder in meine Karte. Zwei weitere Grenzsteine ließen sich ungefähr so leicht – oder schwer – finden wie der erste. Jedes Mal war das ein ganz, ganz bewegender Moment – wie eine total aufregende Schatzsuche. Unfassbar war auch, dass all diese Steine tatsächlich auf den Zentimeter genau dort lagen, wo ich mir ihre Position ausgerechnet hatte.

 

Als ich den dritten Stein aufspürte, offenbarte sich etwas Unglaubliches: Er lag an einer Stelle, von der ich sicher geglaubt hatte, dass sie den Nachbarn gehörte. Praktisch mitten in einem Teil ihres Gartens. Für ein endgültiges Ergebnis fehlte noch die genaue Position des nördlichsten Steins, aber bereits jetzt war klar, dass Heiko sich ca. 250 Quadratmeter unseres Grundstücks unter den Nagel gerissen hatte! Er hatte sich auf dieser Fläche, die ihm überhaupt nicht gehörte, gemütlich eingerichtet: Dort standen ein Gartenhäuschen, ein Kaninchenstall, eine Bank, seine Kompostkiste und hier befand sich sein großer Misthaufen für seine Gartenabfälle. Rundherum hatte er aus alten Ästen einen dichten, meterhohen Wall aufgetürmt – alles auf unserem Grundstück!

 

Ich rief meine Vermieterin an. Sie war sprachlos. Das fand sie nun nicht mehr lustig. Gemeinsam formulierten wir einen Brief, in dem sie die Nachbarn aufforderte, sowohl diese große Fläche oben am Waldrand als auch den Bereich mit den Mülltonnen innerhalb eines Monats zu räumen.

 

Das alles war so aufregend und unerwartet. Ich hatte in ein Wespennest gestochen. Und doch war in mir eine leise Sorge, dass Heiko unsere Aufforderung ignorieren könnte. Was sollte ich machen, wenn er sich einfach weigerte, die Flächen zu räumen? Meine Vermieterin war weit weg. Und noch dazu war sie ein wirklich sehr lieber Mensch. Sie mochte keinen Streit und im Zweifel hätte sie die Sache womöglich doch einfach im Sande verlaufen lassen. Ich spürte ganz deutlich: Wenn ich sicher sein wollte, dass die Dinge in meinem Sinne in Ordnung kamen, dann musste ich selber dafür sorgen.

 

Bloß irgendwie konnte ich mich diesem Heiko gegenüber nach wie vor nicht durchsetzen. Ich war jedes Mal verblüfft, wie stumm ich blieb, wenn ich ihn traf. Wie ich mich von ihm an die Wand reden und klein machen ließ. Ich empfand Empörung und Wut, aber beides schien in mir gefangen. Aber eben weil diese Gefühle mich nun so bedrängten, musste ich mich mit ihnen auseinandersetzen. Und wie immer: Genau das veränderte mich. Bis ich eines Tages eine Begegnung mit Heiko hatte, in der ich mich ganz neu verhielt:

 

Den nördlichsten Grenzstein fand ich etwas mehr in unsere Richtung als erwartet. So dass die Fläche, die Heiko uns geklaut hatte, doch „nur“ ca. 230 Quadratmeter groß war. Um ihm zur Abwechslung mal was Positives zu berichten, erzählte ich ihm das – und fand mich sofort in einem unserer typischen Dialoge wieder:

 

Ich: „Hier, siehst du, Heiko: Ich habe den letzten Grenzstein gefunden. Es ist das gleiche Modell wie der nächste da oben.“

 

Heiko: „Ach was, Papperlapapp. Das sind doch alles keine Grenzsteine.“

 

Ich: „Du meinst also, es ist reiner Zufall, dass diese beiden rechteckigen Betonsteine genau 28,35 Meter auseinander stehen – exakt so, wie es in der Karte steht?“

 

Heiko: „28,35 Meter! Das sind doch alles nur Zahlen!“

 

Ich: „Heiko! Ich rede von der offiziellen Liegenschaftskarte vom Katasteramt!“

 

Heiko: „Ach was, Katasteramt. Die erzählen viel. Was wissen die denn schon, wie das hier aussieht?!“

 

Da drehte ich mich um und ging. Runter zum Haus. Heiko ging auch nach unten, auf seinem Grundstück. Uns trennte ein gut 15 Meter breiter, undurchsichtiger Rhododendronwall. Aus einem plötzlichen Impuls heraus rief ich ihm über dieses Gebüsch hinweg hinterher. Meine Stimme war ruhig, aber wegen der Entfernung rief ich sehr laut, so dass sicher noch weitere Nachbarn mich hören konnten: „Du reißt deine Klappe aber wirklich ganz schön weit auf – dafür, dass du hier oben so eine Scheiße gebaut hast.“ Da konnte ich spüren, wie er zusammenzuckte. So kannte er mich nicht – und so kannte ich mich nicht. Unten beim Haus ging ich zu meinem Holzlager, direkt an der Grundstücksgrenze. Dort erwartete Heiko mich bereits mit offenstehendem Mund und drohender Stimme: „Wie bitte?! Was hast du da gerade gesagt?!“ Da ging ich direkt auf ihn zu, bis ich einen knappen Meter vor ihm stand. Zwischen uns mein nagelneuer Draht, der in Knöchelhöhe die Grenzlinie markierte. Ich guckte ihm direkt in die Augen und wiederholte ruhig und deutlich: „Ich habe gesagt: Du reißt deine Klappe aber wirklich verdammt weit auf – dafür, dass du da oben so eine Scheiße gebaut hast.“ Da konnte er nur noch nach Luft schnappen. In diesem Moment war zweifelsfrei klar geworden: Ich hatte aufgehört, die kleine, naive Mareike zu sein, mit der er machen konnte, was er wollte. Er konnte mir keine Angst mehr machen. Ich griff mir eine Kiste Holz und ließ den verdatterten Heiko einfach stehen.

 

In meinem Wohnzimmer musste ich durchatmen. Wow, das war alles neu für mich. Ich hatte mich wirklich verändert und diese Veränderung fühlte sich soo gut und richtig an. Und plötzlich fiel mir noch etwas ein – ich war noch nicht fertig, ich musste noch etwas zu Ende bringen…

 

Im Frühjahr hatte ich den Garten am Waldrand aufgeräumt. Dort wuchsen seit wohl einem halben Jahrhundert dutzende Rhododendren und Azaleen kreuz und quer vor sich hin. Für mich sahen sie alle unendlich traurig aus. Sie hatten ihre teilweise an die zehn Meter langen Arme und Fingerchen verzweifelt Richtung Sonne gereckt, wo ihnen dann die Puste ausgegangen zu sein schien, so dass sie am Ende nur noch ein paar kümmerliche Blättchen hervorbringen konnten. All diese Pflanzen hatte ich radikal gestutzt. Mit solchen Kuren hatte ich gute Erfahrungen gemacht – die Pflanzen trieben bald komplett verjüngt voller Kraft schön dicht und buschig wieder aus.

 

Den größten dieser Rhododendren – eine wirklich unfassbar riesige Krake, fast so groß wie mein Häuschen – hatte ich zur Hälfte verschont. Denn seine Äste ragten auf einer Seite rüber zu den Nachbarn. Dort hatte Heiko sie jahrelang immer wieder schön gestutzt, so dass sie inzwischen eine dichte, halbrunde Blätterkuppel genau über seinen geklauten 230 Quadratmetern bildeten. Damals – als ich noch nicht wusste, dass das alles uns gehörte – wollte ich ihm seinen kuscheligen Garten nicht ruinieren, so dass ich diesen uralten Rhododendron zur Hälfte unangetastet gelassen hatte.

 

Aber jetzt nicht mehr. Ich schnappte mir meine Säge und stampfte hoch zum Waldrand. Dort sägte ich innerhalb von fünf Minuten all diese übriggebliebenen oberschenkeldicken Äste einen knappen Meter über dem Boden ab. Heikos riesiger Schutzwall stürzte in sich zusammen und entblößte ab sofort schonungslos sein dreistes Geheimnis.

 

Kurz darauf konnte ich zuschauen, wie er Stück für Stück unser Grundstück räumte. Eine Entschuldigung erhielten weder ich noch meine Vermieterin. 

 

Was für eine Wende. Wenn ich mich an diese Zeit zurückerinnere, änderte sich in diesen Wochen mein gesamtes Lebensgefühl. Es war nicht nur Heiko, der mich von oben herab behandelt hatte wie ein naives Dummerchen. Sondern das war ein Muster in mir. Viele Menschen waren genau so mit mir umgegangen – weil ich es ihnen gestattet hatte.

 

Mir wurde klar, dass die äußeren Ereignisse klein waren im Vergleich zu meiner inneren Verwandlung. Dass die entscheidenden Momente nicht diejenigen gewesen waren, in denen ich mit meiner Mistgabel auf einen Stein gestoßen war. Sondern es waren die inneren Prozesse, die dem vorausgegangen waren.

 

Die größte Kraftanstrengung hatte für mich immer wieder darin gelegen, aus meinem Haus zu treten und mich dort auf die Suche nach den Steinen zu machen. Da war ein massiver Widerstand in mir, so dass ich stattdessen oft stundenlang nur schmerzgekrümmt auf meinem Sofa liegen konnte.

 

Was dahinter steckte, war ein panisches Unbehagen, mich den Blicken meiner Nachbarn auszusetzen. Nicht nur Heiko und seiner Familie, sondern auch den Nachbarn auf der anderen Straßenseite, mit denen er befreundet war. Der südlichste Grenzpunkt lag sogar direkt an der Straße. Direkt neben Heikos Einfahrt und direkt vor der Haustür dieser anderen Nachbarn. Immer, wenn es darum ging, nach draußen zu gehen, aktivierte das einen tobenden Kampf in mir, der mich völlig lähmte. Einerseits wollte ich Klarheit in Bezug auf die Grundstücksgrenze. Andererseits wollte ich diesen Menschen nicht begegnen. Aber warum? Warum war da diese überwältigende Abwehr in mir?

 

Ich erkannte, dass es mir zwar egal war, was andere Leute über mich dachten – es ging mir nicht darum, von allen gemocht zu werden. Aber was mich stattdessen so sehr stresste war, dass Leute es meiner Erfahrung nach nicht dabei beließen, mich nicht zu mögen. Es war nicht so, dass sie feststellten, dass sie mich nicht mochten, mich daraufhin links liegen ließen und ihrer eigenen Wege gingen. Sondern sie schienen Freude daran zu haben, mir meine Freude zu verderben. Ja, sie hatten ganz offensichtlich Spaß daran, mich fertig und klein zu machen.

 

Mir war klar, dass es in Wahrheit Neid war, der sie dazu antrieb – sie spürten, dass ich irgendetwas hatte, das sie auch gerne hätten. Aber das zu wissen änderte nichts daran, dass ich ihr Verhalten unerträglich fand. Ich wusste, wenn ich rausgehen und vor ihren Augen nach den Grenzsteinen stochern wollte, würden sie nur darauf lauern, mich scheitern zu sehen. Und sollte das tatsächlich eintreten, sah ich sie voller Häme und Schadenfreude meinen Misserfolg feiern. Das war es, was ich auf keinen Fall erleben wollte.

 

Man könnte meinen, dass da ein irrationaler Film in mir ablief, der gar nichts mit der Realität zu tun hatte. Aber ich hatte gelernt, meiner Wahrnehmung zu vertrauen. Ich konnte solche Energien tatsächlich wahrnehmen, ohne dass ich die „Absender“ je gesehen hatte.

 

In meinen ersten Jahren nach meinem Einzug hatte ich sehr darunter gelitten. Solche schlechten Wünsche nahm ich sowohl von Heiko als auch von den Nachbarn auf der anderen Straßenseite wahr, bevor ich ihnen überhaupt persönlich begegnet war. Ich spürte diese Negativität so stark, dass ich mich sehr viel im Haus verkroch. Nach ein, zwei Jahren änderte sich etwas. Es wurde ruhiger. Und irgendwann wendete sich das Blatt – Heiko wurde auf einmal freundlich zu mir, bis ich sogar mal zu Kaffee und Kuchen bei ihm im Garten saß. Ich fragte ihn, was los war, ob er sich mit den Nachbarn gestritten hätte. Da meinte er: „Ich war es leid und konnte es nicht mehr hören – es hieß immer nur ‚Mareike hier, Mareike da, Mareike hat dieses gemacht, Mareike hat jenes getan – Mareike, Mareike, Mareike‘. Das wurde mir irgendwann zu blöd.“ – Wow. Was für eine Bestätigung. Ich hatte mir also rein gar nichts eingebildet: Die drei hatten sich tatsächlich von morgens bis abends das Maul über mich zerrissen. Damals hatte ich mir hinter die Ohren geschrieben, nie wieder meine Wahrnehmung anzuzweifeln.

 

Jetzt hatte ich also wieder solchen Horror empfunden bei dem Gedanken, raus zu gehen. Ich wollte nicht erleben, wie mein Scheitern diese Leute erfreute. Ich wollte ihnen diesen kranken Triumph nicht ermöglichen und meine Würde schützen. Aber die einzige Möglichkeit, die ich kannte, um diese Demütigung zu vermeiden, lag darin, diesen Menschen komplett aus dem Weg zu gehen – eine Strategie, die diesmal nicht mehr funktionierte: Wenn ich die Grenzsteine finden wollte, war ich nun gezwungen, das Risiko einzugehen, dabei von diesen missgünstigen Leuten gesehen zu werden.

 

Aufgrund meiner Schmerzen beim geringsten Stress blieb mir nichts anderes übrig, als mitten hindurch zu gehen durch diese innere Zerrissenheit und all diese schmerzhaften Gefühle. Sie zuzulassen und wirklich zu fühlen. Wut, Ohnmacht, Verzweiflung, Traurigkeit, Demütigung, Scham, Empörung – all diese Gefühle zu fühlen und auszuhalten. Und was ich jedes Mal wieder wie ein Wunder erlebte: Genau durch dieses Zulassen veränderten sie sich. Immer, früher oder später. Dutzende Male im Laufe der Wochen spürte ich, wie dicke Knoten in mir sich auflösten. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie einmal der Gedanke aus mir herausbrach: „Verdammt nochmal! Habt ihr armseligen Gestalten denn ernsthaft nichts Besseres zu tun als euch über mich lustig zu machen?! Kümmert euch gefälligst um euren eigenen Scheiß!“ Schlagartig lösten sich die Schmerzen auf, Kraft schoss zurück in meinen Körper, ich stürzte raus und legte den nächsten Grenzstein frei.

 

Anfangs hatte ich noch versucht, mir Rückendeckung von anderen zu holen. Einmal ging meine Mutter mit mir auf Grenzsteinsuche. Einmal Paul, ein Freund – riesengroß und über 80. Aber ich hatte vergessen, dass er genauso sensibel war wie ich: „Ist das nicht furchtbar, wenn man ständig die Gedanken anderer Menschen hört?“ hatte er sich einmal bei mir beklagt. Als wir versuchten, den Grenzstein an der Straße zu finden, schien er sich dabei noch unwohler zu fühlen als ich mich fühlte. Diese Versuche blieben alle erfolglos.

 

Es schien, als ob die Steine sich anfangs vor mir versteckten. Am deutlichsten wurde das bei diesem Stein an der Straße, für dessen Suche ich mich ja praktisch auf einen Präsentierteller begeben musste. Ich brauchte bestimmt fünf, sechs Anläufe und es zog sich über Wochen, bis ich ihn endlich fand – nur um dann festzustellen, dass er noch nichtmal mit Erde bedeckt war, sondern nur eine hauchdünne Schicht Moos ihn die ganze Zeit getarnt hatte. Und natürlich lag auch er auf den Zentimeter genau an seinem berechneten Platz. Aber erst dann ließ er sich von mir finden, als ich eine Haltung gefunden hatte, in der ich niemandem mehr erlaubte, sich auf meine Kosten zu amüsieren.

 

Diese Muster wiederholten sich viele Male und mit der Zeit sah ich, wie dieser Lebensabschnitt mich grundlegend veränderte. Ja, da war die erfolgreiche Suche der Grenzsteine. Aber vor allem ich hatte gelernt, Grenzen zu setzen. Übergriffe abzuwehren. Andere in die Schranken zu weisen. Zu dem zu stehen, was mir wichtig ist. Zu verteidigen, was mir gehörte und nicht länger zu dulden, was für mich nicht in Ordnung war. Ich hatte mich verwandelt und fühlte mich enorm gestärkt und so viel sicherer als je zuvor.

 

Und mein Garten? Nachdem Heiko sich brav hinter die neue Grenzlinie zurückgezogen hatte, putzte ich auch noch die letzten Winkel meines Grundstücks heraus und genoss es unendlich, nun genau zu wissen, was meins war. Wir lebten noch ein, zwei Jahre ohne jeden Kontakt nebeneinander her, bis Heiko eines Tages verschwunden war – umgezogen nach Süddeutschland.

ein alter Grenzstein wurde freigelegt
Meine Nummer Eins!

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