Meine Erleuchtung

Wissen, was ich bin

idyllisches Seeufer zur Erleuchtung

Nun möchte ich mein Bestes geben, um dir meine eigentlich unbeschreibliche Erleuchtungserfahrung nahezubringen. Um etwas von der grenzenlosen Freude, die mich darin erfüllt hat, in dein Herz überschwappen zu lassen. Also ganz von vorne.

 

Damals, 2010, war ich 37 Jahre alt. Ich lebte in Worpswede und war mit Stefan zusammen. An diesem Tag wollten wir einen Mini-Ausflug machen: An einem idyllischen Plätzchen an der Hamme wollten wir eine Nacht zelten. Das war der Plan, aber mir ging es überhaupt nicht gut. Schon damals quälten mich Tag und Nacht Schmerzen und als Stefan mich mit seinem gepackten Auto abholte, hätte ich eigentlich absagen müssen. Aber das brachte ich nicht übers Herz. Ich hoffte, dass die Schmerzen sich doch noch rechtzeitig auflösen würden, wie sie es oft taten, wenn es mir wirklich wichtig war. Diesmal klappte das nicht. Als wir an der Hamme ankamen, fühlte ich mich hundeelend.

 

Jetzt wirkte auch dieser Ort ganz anders als ich ihn in Erinnerung hatte. Ich konnte eine Reihe Häuser sehen, gut einen Kilometer entfernt. Na prima – sobald unser Lagerfeuer im Dunkeln leuchten würde, würden die uns sehen und garantiert irgendwas dagegen haben, dass wir hier waren. Und dann war da auch noch ein Angler. Er meinte, dass dieser Platz seinem Angelverein gehörte. Wenn wir hier zelten wollten, wäre das ihm persönlich zwar egal, aber später würde uns sicher irgendwer wegschicken. Da war ich fast erleichtert, dass wir alles abblasen könnten, ohne dass ich die Spielverderberin sein müsste. Aber Stefan dachte nicht daran. Er raunte mir zu, ich sollte einfach mal kurz abwarten, dann würde der Typ verschwinden und wir könnten es uns hier gemütlich machen. Ich hatte keine Kraft zu widersprechen. Also schlurfte ich los, um Holz für unser Feuer zu sammeln. Ich war froh, noch ein bisschen für mich zu sein und versuchte verzweifelt, mich irgendwie so zu beruhigen, dass meine Schmerzen sich entspannten. Aber nichts half.

 

Kurz darauf fuhr der Angler weg, bald stand unser Zelt, Stefans Angeln hingen in der Hamme und er türmte ein Lagerfeuer auf. Ich fühlte mich grauenhaft. Ich saß unruhig neben Stefan auf meiner Isomatte und war verzweifelt – niemals würde ich mit solchen Schmerzen diesen Abend durchstehen. Aber aufgeben wollte ich auch nicht. Ich war sicher, es könnte doch eigentlich sehr schön werden. Und vor allen Dingen: Wenn ich das Ganze jetzt abbrechen würde, würde ich nie wieder sowas mit Stefan planen. Ich spürte, wenn ich jetzt nach Hause fuhr, wäre einfach alles verloren. Das wäre eine neue Stufe meines Lebens mit diesen furchtbaren Schmerzen, die ich nicht mehr ertragen könnte. Dann wäre alles aus.

 

Noch eine Weile versuchte ich, ins Gleichgewicht zu finden. Und dann – gab ich auf. Ich weiß noch, ich saß da, Stefan war mit dem Feuer am Gange, und ich ließ mich nach hinten auf die Isomatte sinken. Ich öffnete meinen Mund, um Stefan zu beichten, wie schlecht es mir in Wahrheit ging und dass wir leider, leider alles wieder einpacken und nach Hause fahren müssten. Ich wollte ihm das gerade sagen – als die Erleuchtung kam.

 

In dieser Bewegung nach hinten, als ich mich auf den Rücken fallen lassen wollte, öffnete sich plötzlich meine Welt. Es war, als ob schlagartig der Himmel aufgerissen würde. Als ob unsichtbare Wände, die gerade noch meine Welt definiert hatten, in sich zusammenfielen und sich auflösten. Als ob eine künstliche Kulisse in sich zusammenstürzte und die wirkliche Realität zum Vorschein brachte. Die Welt wurde plötzlich unendlich weit und groß.

 

Das alles geschah innerhalb eines Augenblicks und ich bekam einen unvorstellbaren Schrecken. Aber schon einen Moment später war ich nur noch überwältigt von einer unbeschreiblichen Schönheit, die ich plötzlich überall um mich herum in dieser grenzenlosen Welt erblickte. Und gleichzeitig erkannte ich – nicht mit meinen Augen, sondern mit meinem ganzen Sein – dass alles in der Welt ich bin. Alles hier war ich. Die gesamte Landschaft – die Bäume, der Himmel, der Fluss, einfach alles. Alles, was ich sah, alles, was um mich herum existierte. All das war ich selbst und außer mir war niemand da. Hier war nur ich.

 

In diesem Moment war ich mir sicher, dass ich soeben gestorben war. Nur so ergab das alles Sinn. Was ich hier wahrnahm, war die endgültige Auflösung aller Rätsel, die Antwort auf alle Fragen, die ein Mensch je haben könnte. Und so wie ein Krimi endet, sobald der Mörder geschnappt ist, war für mich klar, dass dies der Abschluss meines Lebens sein musste – für mich schien hier alles erledigt, was ich jemals angestrebt haben könnte.

 

Aber zu meiner großen Verwunderung war ich nicht gestorben. Ich war noch hier, in diesem Leben. Und ich war tatsächlich die Einzige hier – alles nur ich! Mein Herz schlug bis zum Hals und ich war so aufgeregt, dass ich sofort Stefan erzählen wollte, was ich gerade erkannt hatte – aber dann begriff ich, wie unsinnig das war: Wieso sollte ich Stefan davon erzählen, wenn der doch auch nur ich selbst war?! Hier war nur ich und sonst niemand. Punkt. Also bestaunte und genoss ich still für mich diese unfassbare Erfahrung.

 

Vielleicht erschreckt es dich, dass ich in Wahrheit ganz allein war? Das liegt daran, dass ich das Gefühl von zweifelsfreier Stimmigkeit und Richtigkeit kaum beschreiben kann. Ich fühlte mich weniger allein als je zuvor. Denn jetzt wusste ich, dass jeder, der mich bisher hätte verlassen können, in Wahrheit niemals von mir getrennt sein konnte – weil auch er ein Teil von mir war.

 

Ich fühlte mich also nicht im Geringsten einsam. Stattdessen empfand ich eine unendliche Erleichterung: Niemand könnte mir mehr vorschreiben, was ich tun sollte oder an mir herummäkeln – denn hier war ja niemand außer mir. Wenn ich wollte, könnte ich sogar richtig gemein sein. Ja, selbst wenn ich jemanden umbringen würde, würde das niemanden stören – selbst das Opfer nicht – weil einfach niemand hier war außer mir. Natürlich wollte ich das nicht – ich möchte dir nur das Gefühl dieser grenzenlosen Unbekümmertheit verdeutlichen. Sie schockierte mich sogar, als mir schlagartig klar wurde, wie hart ich zu mir selbst war, indem ich es kaum einmal wagte, jemandem eine Bitte abzuschlagen.

 

Leider ist dieser Zustand unbeschreiblich. Aber später verglich ich ihn mit einer Hand. Die in eine Wanne schwarzer Farbe getaucht ist, so dass nur die Fingerspitzen rausgucken. Bisher hatte ich meine Welt so erlebt, dass ich ein Finger bin und da – getrennt von mir – noch viele andere Finger sind, mit denen ich interagieren kann. Aber jetzt wusste ich, dass ich die gesamte Hand bin. Alles, was ich sah, war wie unendlich viele Fingerkuppen meiner eigenen Hand. Das alles war ich – ich hatte bloß die Verbindung zwischen all dem und mir bisher nicht wahrgenommen. Jetzt bildete nicht mehr mein menschlicher Körper die Grenzen meines Ichs, sondern ich war ein einziger Körper, der so riesig war, dass er alles umfasste, was in meiner Welt existierte.  

 

Ich hatte von Erleuchtungserlebnissen gelesen, in denen beschrieben wurde, dass „alles eins“ ist. Aber das sind nicht die Worte, die mir während meiner Erfahrung in den Sinn kamen. „Alles eins“ bedeutet für mich, dass ich bloß ein Teil eines Ganzen bin. Was ich stattdessen erlebt habe ist, dass alles ich bin. Ich bin das Ganze. Da ist sonst nichts und niemand. Alle Teile bin ich. Stefan ist ich. Aber ich bin nicht Stefan. Denn da bin nur ich. Möglicherweise gibt es noch andere Stefans, viele andere, in anderen Dimensionen, die ich nicht wahrnehme und die mich auch nicht interessieren. Ich weiß nur: Dieser Stefan ist mein Stefan. Er ist nur hier, weil ich hier bin. Er ist ein Teil von mir.

 

Und dann, dort am Lagerfeuer – sah ich Richtung Himmel. Ich sah ihn, wie alles um mich, auf eine nie gekannte Art. Nicht als leeren Raum, sondern als einen fließenden Ozean funkelnder Moleküle, aus der die gesamte Welt bestand. Alles vibrierte vor Energie, der Himmel war randvoll davon. Und diese Energie war unbeschreiblich lebendig – sie kommunizierte mit mir. Nicht durch hörbare Stimmen. Und doch viel klarer und durchdringender, als Worte es könnten. In einem winzigen Moment war ihre Botschaft klar: All diese Energie war voll unbändiger Freude darüber, dass ich sie endlich wahrnahm. Sie war für mich hier und nur für mich. Genau wie Stefan war auch sie nur deshalb hier, weil ich hier war. All diese Unmengen an quirliger Energie war auf ein einziges Zentrum ausgerichtet: auf mich. Sie strahlte mich voll überschäumender Vorfreude an – sie wartete darauf, dass ich ihr sagte, was sie für mich tun durfte.

 

Ich konnte in diesem Moment nichts entscheiden. Ich war zu überwältigt. Zu sehr damit beschäftigt, das alles aufzunehmen. Aber ich wusste, dass all diese Energie immer bei mir sein würde und ich alle Zeit der Welt hätte, ihr meine Aufträge zu erteilen.

 

Und dann sah ich die Häuser hinten in der Landschaft, inzwischen waren schon die Lichter angegangen. Und plötzlich wusste ich: Auch diese Menschen sind nur für mich hier. Sie halten Wache, so dass Stefan und ich ganz ungestört unseren gemeinsamen Abend genießen können. Auf einmal gab es mir ein so warmes Gefühl von Sicherheit, dass diese Häuser in Sichtweite waren.

 

Und so nahm der Abend seinen Lauf. Es passierte nichts Besonderes – wir grillten, saßen die halbe Nacht am Lagerfeuer und unsere Gespräche waren lebendig und tiefgründig. Aber für mich war nun alles besonders. Ich war voller Freude und genoss es unendlich, dermaßen wach und klar zu sein. Meine Schmerzen waren seit dem Moment der Erleuchtung völlig verschwunden und in dieser Nacht schlief ich zum ersten Mal seit vielen Jahren tief und fest, mein gesamter Körper war entspannt wie nie zuvor.

 

 

 

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