Auf der Palme

Wut verwandeln

eine fauchende Katze

Welche Gefühle es sind, die wir um Laufe unseres Lebens verdrängen, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch, da wir alle die unterschiedlichsten Erfahrungen sammeln. Einmal las ich von einer Frau, die wie ich ihr authentisches Ich in die Welt bringen wollte, die immerzu weinen musste. Nachdem sie den Widerstand aufgegeben hatte, flossen immer und immer wieder Tränen. Auch ich bin auf viel vergessene Traurigkeit gestoßen, aber weinen musste ich eher selten. Das Gefühl, das viel mehr mein wunder Punkt war, war Wut.

 

Während sich nach und nach meine Wut transformiert hat, hatte ich immer wieder ein intuitives Gefühl, dass sehr, sehr viele Menschen mit einem riesigen Klumpen unterdrückter Wut durchs Leben gehen – und dass das ganz besonders für Frauen gilt. Im Rückblick kommt es mir fast so vor, als hätte ich auch deshalb so gründlich mit meiner Wut aufgeräumt, damit ich heute anderen Menschen helfen kann, ihre eigene Wut zu verwandeln.

 

Immer wieder lieferte meine Energie mir Erfahrungen, die mich auf die Palme brachten. Und falls du dir nun eine tobsüchtige Mareike vorstellst – nein, so war ich genau nicht. Denn wenn ich mir öfters mal erlaubt hätte, auszuflippen, hätte sich ja erst gar keine Wut in meinem Bauch angesammelt. Ich kochte nur innerlich, und zwar so tief in mir drin, dass ich es lange Zeit selbst nicht mitbekam. Vor meiner Erleuchtung war ich fest davon überzeugt, dass ich das Gefühl Wut überhaupt nicht kenne, dass es mich nicht betrifft. Heute weiß ich, dass es tatsächlich der Hauptbestandteil meiner „seelischen Verstopfung“ war – der dicken Schicht verdrängter Gefühle, die mein echtes Ich unter sich vergrub.

 

Zwei Erfahrungen, in der meine unterdrückte Wut ans Licht kam, habe ich als ganz besonders heilsam und einschneidend in Erinnerung. Von der ersten will ich dir jetzt erzählen. Die andere ist eine ganze Episode, die sich über mehrere Monate entfaltete. Die poste ich im nächsten Blogbeitrag. 

 

Meine erste Geschichte spielt 2014. Ich wohnte in Worpswede in einem kleinen Häuschen auf einem riesigen Grundstück. Dazu gehörten auch zwei Hektar Wald, aus dem ich mir Brennholz holen durfte. Als ich Nachschub brauchte, wollte mein Vater mit seiner Kettensäge kommen. Weil er 300 Kilometer südlich wohnte, wollte er bei mir übernachten. Das machte mir ein bisschen Sorgen, weil ich mich trotz Schmerzen verpflichtet fühlen würde, eine perfekte Gastgeberin zu sein. Also fragte ich meine Mutter, ob sie nicht auch Lust hätte zu kommen. Sie freute sich und wollte uns allen etwas Schönes kochen. Da kam mir spontan die Idee, auch meinen Bruder zu fragen, ob er bei so einem seltenen Familientreffen nicht auch dazu kommen wollte. Und tatsächlich, auch er wollte gerne kommen.

 

Das alles war ganz schnell geklärt und im ersten Moment freute ich mich sehr auf diese unerwartete „Familienzusammenführung“ – alle drei hatte ich seit Jahren kaum gesehen. Aber es dauerte nicht lange, da kamen Zweifel in mir auf. Das Treffen war noch zwei Wochen hin, aber meine Mutter hatte bereits angekündigt, dass sie auf keinen Fall mit meinem Vater im Auto fahren würde, weil sie sich gerade wieder maßlos über eine Bemerkung von ihm geärgert hatte. Dabei wohnten sie nur gut 30 Kilometer auseinander.

 

Dann fing ich automatisch an, mir unser Treffen vorzustellen: Mein Vater konnte ziemlich negativ sein. Dann ließ er kein gutes Haar an irgendwas und irgendwem. Ich stellte mir vor, wie er mein Leben kommentieren würde. Mein Bruder würde sich wohl wie meist auf seine Seite stellen, meine Mutter würde bestimmt ganz unangenehm anfangen, sich und alles zu rechtfertigen. Und dann ich dazwischen, die sich abmühen würde, damit trotzdem alle glücklich und zufrieden wären und alle eine schöne Zeit hätten.

 

Uff. Auf einmal wurde ich todmüde und wunderte mich, wie ich überhaupt auf die Idee gekommen war, dass so ein Treffen für irgendwen angenehm werden könnte? Vielleicht sollte ich lieber jetzt gleich alles wieder absagen?

 

Aber das ging erstmal nicht, denn diese sorgenvollen Gedanken hatten wie jeder kleinste Stress heftige Schmerzen bei mir ausgelöst. Ich hatte mich längst aufs Sofa gelegt und konnte jetzt erst recht keinen Optimismus mehr aufbringen. Es fühlte sich alles nach einem völlig überflüssigen Vorhaben an, das zweifelsfrei in Frust enden musste. Was war das bloß für eine schreckliche Familie, warum musste es mir immer so schlecht mit ihnen gehen? Alles in mir sträubte sich dagegen, dieses Treffen wirklich durchzuziehen.

 

Ich lag da, mit rasender Panik und Sorgen im Kopf. Alles war in Aufruhr und eine Lösung schien völlig unerreichbar. Die Schmerzen, aua. Irgendwann, wie immer, konnte ich mich nicht mehr aufs Denken konzentrieren und gab auf – ich ließ mich wehrlos überrollen von dieser inneren Lawine von Gruseligkeit. Ich konnte nichts mehr tun und ich konnte nichts mehr wollen. So lag ich lange, lange da, schmerzgekrümmt auf meinem Sofa.

 

Aber dann, nach einer gefühlten Ewigkeit – wurde es auf einmal still in mir. Etwas passierte. Ich musste mich aufsetzen, denn tief unten in meinem Bauch wühlte sich etwas auf. Es war wie ein tiefes Grollen, das ein Erdbeben ankündigt. Aus meinem Bauch stieg eine riesige wütende Welle an Energie auf nach oben und als sie durch meinen Hals aus mir herausbrach, hörte ich mich innerlich mit voller Kraft brüllen: „VERDAMMT NOCHMAL!!! DIE WERDEN SICH GEFÄLLIGST ANSTÄNDIG BENEHMEN, WENN DIE BEI MIR ZU BESUCH SIND!!!“

 

Wooow! Ich war platt: Natürlich! So musste es sein – sofort wusste ich, dass das die einzig akzeptable Lösung war! Warum hatte ich sie bisher nie gesehen? Ich hatte diese Unmenge an Wut mein ganzes Leben lang mit mir herumgeschleppt. Jetzt war sie raus und ich fühlte mich unendlich erleichtert und so viel echter und authentischer. So bin ich wirklich – und das ist goldrichtig so, das wusste ich jetzt.

 

Nach dieser inneren Explosion war ich absolut sicher, dass es ein schönes Familientreffen werden würde. Und dass überhaupt alles anders werden würde zwischen mir und meiner Familie. Weil ich mich soeben verändert hatte. Ich war gerade zu einem Menschen geworden, in dessen Haus man sich nicht mehr daneben benehmen konnte. Und mit dem garantiert auch so einiges anderes nicht mehr möglich war.

 

Zwei Wochen später kam meine Familie und wir hatten eine sehr, sehr schöne Zeit miteinander, mit erfolgreicher Holzernte und fröhlichem Essen. Meine Mutter nahm mich irgendwann zur Seite und meinte: „Also Mareike, mit deinem Vater im Auto – wir haben uns richtig gut unterhalten, also das können wir gerne jederzeit wieder machen.“ Ich war begeistert!

 

Ich erzähle dir diese Geschichte, in der Hoffnung, dass sie dein Vertrauen stärkt. Dein Vertrauen in deine unguten Gefühle, vor allem in deine Wut. Wut ist nie ohne Grund da und wenn du sie zulässt, wird sie für dich Dinge zurechtrücken, die einfach nicht in Ordnung sind. Das ist es, was frei fließende Wut macht. Wir haben bloß geglaubt, dass sie brutal und hässlich ist – in Wahrheit ist sie ganz natürlich und ein genauso berechtigtes Gefühl wie alle anderen.

 

Meine Wut hat überhaupt nichts kaputt gemacht – im Gegenteil, sie hat Schönes bewirkt: Alle haben davon profitiert, denn nicht nur für mich, sondern genauso für meine Eltern und meinen Bruder waren das zwei sehr harmonische gemeinsame Tage. Wenn unser wirkliches Ich ins Spiel kommt, ist das nicht nur für uns selbst, sondern immer auch für alle anderen das Beste.

 

Aber vielleicht fragst du dich, warum ich mich überhaupt noch gegen irgendwen behaupten musste, wenn ich doch in Wahrheit allein hier bin und alle anderen sowieso nur ich selbst sind? Tatsächlich musste ich das nicht mehr – in dem Moment, in dem ich diese Illusion durchschaut hatte, hätte ich meinen Körper verlassen können. Aber auf seelischer Ebene hatte ich offensichtlich gewählt, auf der Erde zu bleiben. Um das kostbare Wissen, das ich gewonnen hatte, in die Welt zu bringen. Bloß: Welchen Nutzen hat ein erleuchteter Mensch – ein Mensch, in dessen Inneren die Wahrheit leuchtet – wenn dieser Mensch sich weigert, dieses Licht in die Welt zu scheinen?

 

In meinem menschlichen Bewusstsein existierten so viele ängstliche Überzeugungen, dass ich damit niemals gewagt hätte, mein wundervolles Geheimnis mit der Welt zu teilen. Um diesen seelischen Wunsch tatsächlich zu verwirklichen, musste ich diese Überzeugungen loslassen – und weil ich hier als Mensch bin und deshalb wahnsinnig stur und gewohnheitsliebend, musste meine Seele mir ein Glaubensmuster nach dem anderen mit Gewalt entreißen.

 

Felsenfeste Überzeugungen wie „Ich muss immer freundlich bleiben“ oder „Wut ist böse“ hätten es mir unmöglich gemacht, mein seelisches Vorhaben zu verwirklichen – bei jeder Gelegenheit hätte ich mich von irgendwem ausbremsen oder ausnutzen lassen. Vor allem meine tiefe Überzeugung „Ich darf niemandem zu nahe treten“ hätte die eigentliche Wahrheit, die ich verkünden sollte – dass sowieso alles ich bin – im Keim erstickt. All das musste ich loslassen.

 

 

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